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Lettische Grafik

... aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

Innerhalb der Profillinie „Zentrum für osteuropäische Kunst“ beschäftigen wir uns in der Kunsthalle vorerst einmal mit uns selbst. Das meint innerhalb eines Kunstmuseums die Auseinandersetzung mit der eigenen Sammlung und Ausstellungsgeschichte. In diesem Jahr beginnen wir mit einem zwar in der Anzahl kleinen Konvolut, seine Bedeutung in der Ausstellungsgeschichte ist aber umso größer. 

Bis zum 28.02.2021 präsentieren wir Ihnen hier Lettische Grafik aus unserer Sammlung. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, Sie auf die Recherchereise mitzunehmen und geben Ihnen pointierte Einblicke in die Hintergründe.

Riga und Rostock – Hintergrund einer künstlerischen Verbindung

Als Basis der Kunsthalle Rostock gelten die Biennalen der Ostseeländer. Sie bildeten das künstlerische Tor zur Welt als einzige Kunst-Biennale der DDR und führten überhaupt erst zum Aufbau einer Sammlung, deren Ausrichtung daher besonders von Werken aus diesem Raum geprägt ist. 

Mit einer Region war die Zusammenarbeit deutlich intensiver: Lettland und besonders Riga als die zugehörige Hauptstadt. Mit ihr verbindet Rostock seit 1961 eine Städtepartnerschaft – die dritte von insgesamt 14 solcher institutionellen Freundschaften.

1972 wurde eine Vereinbarung geschlossen, die eine Zusammenarbeit zwischen dem Künstlerverband der Lettischen SSR und der Kunsthalle Rostock einschloss. Das Dokument selbst konnte bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht von uns begutachtet werden. Es ist im Stadtarchiv nicht in den Akten der Kunsthalle zu finden, und es wird alsbald klar, warum:

Gründungsdirektor der Kunsthalle, Dr. Horst Zimmermann, erinnert sich nicht mehr im Detail an den Vertrag. „Es wäre unmöglich gewesen, dass ich als Direktor der Kunsthalle einen solchen Vertrag selbst geschlossen hätte. Wenn ich mich auf einen Vertrag berufen habe, dann auf einen solchen der zwischen den Künstlerverbänden [Lettische SSR und DDR] oder zwischen den Ministerien in Moskau und Berlin abgeschlossen wurde“, antwortet der 90-Jährige per Mail und ergänzt eine interessante Anekdote:

Als ich zusammen mit Prof. Jo Jastram in Moskau war und dem stellvertretenden Minister gegenüber erwähnte, dass ich mich bei Prof. Indulis Zariņš [*1929 – †1997, Rektor der lettischen Akademie der Künste 1988 – 1997] angemeldet habe, brach ein Unwetter über mich herein und ich musste in Riga ein vom Ministerium für Kultur bestelltes Hotel nehmen. Ich wurde auch allein in das Linienflugzeug geführt. Erst als ich auf meinem Platz saß, durften die anderen Fluggäste hinein. Nach meinen Erfahrungen war es undenkbar, direkte Verträge zwischen den Verbänden ohne Moskau zu vereinbaren.

Dr. Horst Zimmermann, Gründungsdirektor Kunsthalle Rostock

Wir wissen von der Vereinbarung aus den Briefen, die Zimmermann mit dem lettischen Künstlerverband schrieb, die wir im Stadtarchiv einsehen konnten. Darin wird zum Beispiel von lettischer Seite darauf verwiesen, dass man aufgrund der Vereinbarung von 1972 verpflichtet sei, regelmäßig lettische Kunst in Rostock zu zeigen (und umgekehrt). So liest es sich in einem Brief von Gunārs Krollis (*1932) an Direktor Zimmermann vom 30. September 1975. Darin wird zum einen eine mögliche Gemäldeausstellung des „Volkskünstlers der lettischen SSR“ Prof. Edgars Iltners (1925 – 1983) angefragt. Iltners war derzeit Vorsitzender des Künstlerverbandes (1968 – 1982) und Rektor der Lettischen Akademie der Künste (1974 – 1976). Zum anderen geht es um eine Ausstellung bildender und angewandter Kunst aus Lettland, die nach Zimmermanns Wunsch „Sport in der bildenden Kunst“ zum Thema haben solle. Alles wird für das Jahr 1976 geplant. Dabei sollen sechs lettische „Kollegen“ Rostock besuchen und der Bezirk Rostock solle die Ausstellungen und den Besuch als Kulturaustausch in sein Programm aufnehmen – was vermutlich auch die Finanzierung bedeutet. Krollis unterschreibt als Sekretär des Künstlerverbandes der Lettischen SSR und wie es der Zufall will, ist eben jener Gunārs Krollis, einer von sechs lettischen Künstlerinnen und Künstlern, die in der Sammlung der Kunsthalle vertreten sind.

Regelmäßigkeit und Vertiefung – historischer Überblick zu Ausstellungen lettischer Grafik in Rostock

Und so findet sich zwischen 1972 und 1990 ein reichhaltiges Angebot an Ausstellungen lettischer Kunst in der Kunsthalle Rostock. Werfen wir einen Blick auf die 80er Jahre, bekommt man das Gefühl, es vergeht kein Jahr ohne lettische Kunst in Rostock.

1981 werden unter anderem Džemma Lija Skulme (1925 – 2019), Indulis Zariņš und Ojārs Ābols in Rostock gezeigt. Im September 1982 sind regionale Künstler aus dem „Küstenbezirk der DDR“ im Rigaer Museum für ausländische Kunst zu sehen. „Die Verbände Bildender Künstler Rostocks und Rigas pflegen seit Jahren enge Kontakte. Das wird dem interessierten Publikum an Warnow und Daugava vor allem in Ausstellungen in der Kunsthalle Rostock und im Museum für Ausländische Kunst Riga sichtbar“, heißt es treffend in der Ostsee-Zeitung vom 24. August 1982 im Vorbericht zur Rigaer Schau.

Schon im Jahr darauf, 1983, finden gleich zwei Ausstellungen mit lettischem Bezug in Rostock statt. Neben dem Plakatschaffen aus der kleinen Sowjetrepublik bekommt zu Beginn des Jahres die Malerin Maija Nora Tabaka (*1939) eine Einzelausstellung. Klaus Tiedemann, Kunstwissenschaftler und späterer Direktor der Kunsthalle, widmet der Künstlerin eine halbe Seite lobender Worte in der Ostsee-Zeitung (19. Februar 1983).

Am 22. Februar schreibt Tabaka an Horst Zimmermann. Sie bedankt sich für die Tage in Rostock und lobt das „Kunstzentrum am Schwanenteich“ sowie Jo Jastrams Werke und fragt, ob der Bildhauer ihre Ausstellung besucht hätte. Sie zeige Jastrams Katalog gern ihren Freunden in Lettland. Zudem berichtet Tabaka trauernd vom Tod Edgars Iltners, lässt die Familie Horst Zimmermanns grüßen und bietet an, ein Bild speziell für die Kunsthalle zu malen. Auf welches Werk sich dieses Angebot bezieht und ob es entstanden ist, ist ungewiss, ihr Name taucht in unserer Datenbank bisher nicht auf.

Das Ausstellungsjahr 1985 beginnt in Rostock erneut lettisch. „Krišjānis Barons und das lettische Volkslied“ gibt Einblick in „eine der größten Volksliedsammlungen“. Der Schriftsteller und Folklorist – 2004 zur bedeutendsten lettischen Persönlichkeit aller Zeiten gewählt – gilt als Vater der Dainas; vierzeilige Verse, von denen Barons (1835 – 1923) annähernd 218.000 sammelte und publizierte. Die Ausstellung wird „anlässlich seines 150. Geburtstages vom Ministerium für Kultur der LSSR, dem Schriftstellerverband der LSSR und der Gesellschaft für kulturelle Verbindung mit dem Ausland der LSSR“ veranstaltet und „vermittelt durch zahlreiche Bilddokumente Aussagen über die vielseitige Pflege des Erbes Barons in der lettischen Unionsrepublik“ (Nationalzeitung, Berlin, 11.01.1985).

Spätere größere Ausstellungen lettischer Kunst sind überwiegend durch historisch-politische Jubiläen geprägt. So wird der 40. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, wie es in der sowjetischen Diktion heißt, zum Anlass einer nicht nur der künstlerischen Qualität wegen in der Presse der DDR viel beachteten Ausstellung genommen.

Kunst aus Riga
Zur Woche der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft vom 8. bis 15. Mai werden auf vielen Zusammenkünften Einwohner des Bezirkes den 40. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über den Hitlerfaschismus würdigen. In der Kunsthalle öffnen sich am 7. Mai die Pforten zur großen lettischen Kunstausstellung mit Werken von mehr als 60 jungen Malern, Grafikern und Bildhauern. Verdienstvolle Einwohner der Küste, die sich besonders um die Förderung deutsch-sowjetischer Freundschaft bemühten, erhalten in der Freundschaftswoche als erste die jüngste Publikation „40 Jahre Frieden – 40 Jahre Freundschaft“. Sie enthält Darlegungen der Oberbürgermeister der Partnerstädte Rostock und Riga, Arbeiten von Kulturschaffenden und Gedanken von Arbeitern zu dieser Thematik. Der Woche der Freundschaft geht die Bezirkspremiere des Films „Der Sieg“ nach dem gleichnamigen Roman von Alexander Tschakowski voraus. Im Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft gehört zur Veranstaltung eine Informations- und Buchverkaufs-Ausstellung am 14. Und 15. Mai mit sowjetischer Originalliteratur.

Demokrat, 19. April 1985

„Junge Künstler aus der Lettischen SSR“ sind also vom 7. Mai bis 23. Juni 1985 in der Kunsthalle zu sehen. „Die Kollektion enthält Porträts von Werktätigen, Landschaftsdarstellungen, Stillleben und Akte. Sie gibt Einblick in das gegenwärtige Schaffen der jungen Generation der Maler und Grafiker in unserem Freundesland. Ihrer Verbundenheit mit dem Lande Lenins geben zahlreiche Künstler des Bezirkes [Rostock] in der Ausstellung ‚Reiseimpressionen aus der UdSSR‘ Ausdruck. Sie wurde gemeinsam mit der lettischen Kollektion eröffnet“, berichtet die Ostsee-Zeitung am 16. Mai. Mit dabei sind allerdings auch alte bekannte, wie Edgars Iltners, Džemma Skulme oder Indulis Zariņš, die „dem Rostocker Publikum durch Personalausstellungen bekannt sind. Der von ihnen vermittelte betonte Kolorismus, das Bekenntnis zum Pathos in der künstlerischen Interpretation von Menschen, Landschaften und Dingen ebenso wie von historischen Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart, begegnet dem Betrachter in der Malerei der Jungen in ähnlicher Ausprägung“, wie Klaus Tiedemann am 14. Mai in der OZ seine Beobachtungen formuliert.

Im folgenden Jahr arrangiert Gerburg Förster in der Kunsthalle Rostock „Sowjetische Grafik aus der Sammlung“. Neben Grafiken russischer oder litauischer Herkunft spielen die Letten eine herausragende Rolle. Hier begegnen uns allesamt: Aleksandrs Dembo, Maija Dragūne, Inārs Helmūts, Gunārs Krollis, Valda Batraks (früher Valda Mikāne), Malda Muižule, Aija Ozoliņa, Džemma Skulme und Uldis Zemzaris. Es entsteht ein Bestandskatalog, der noch heute im Shop der Kunsthalle Rostock erhältlich ist. Darin erklärt Gerburg Förster, wie die Grafik in die Sammlung der Kunsthalle Rostock gelangte:

Innerhalb des Gesamtbestandes an grafischen Blättern, Zeichnungen und Aquarellen nimmt die sowjetische Grafik einen qualitativ beachtenswerten Platz ein. Ankäufe und Schenkungen erfolgten zumeist im Zusammenhang mit der "Biennale der Ostseeländer", der Auktionen von "Intergrafik" oder durch direkte Kontakte zwischen dem Künstlerverband der Lettischen SSR und dem VBK-DDR [Verband Bildender Künstler der DDR] im Bezirk Rostock. Daraus erklärt sich auch die umfangreiche, künstlerisch-repräsentative Kollektion lettischer Grafik. [Es] ist vor allem die mittlere und jüngere Künstlergeneration vertreten, deren Werke seit Beginn der 60er Jahre auf den bedeutenden internationalen Grafikausstellungen, beispielsweise in Ljubljana, Krakow oder Tokio Aufmerksamkeit erregten.

Gerburg Förster, in: Sowjetische Grafik, Bestandskatalog der Kunsthalle Rostock, 1986

Dabei muss erwähnt werden, dass viele der Werke keine Originale sind. Zumeist handelt es sich um Lithografien oder Nachdrucke in limitierter Auflage. Diese Form der Sammlungserweiterung war und ist nicht unüblich. Auch heute kaufen Museen (oder bekommen geschenkt) ein Exemplar und vereinbaren mit der Künstlerin oder dem Künstler eine Limitierung, sodass nicht mehr als beispielsweise fünf Exemplare im Umlauf sind. Das hält den Wert oben, ermöglicht aber die gleichzeitige Anwesenheit des Werks in Ausstellungen an unterschiedlichen Orten. Nicht immer wird das Museumswesen in diesem Ausmaß von der Kunstmarkt-Ideologie beherrscht. Es sind also Werke in sogenannten Mappensammlungen, die in vergleichsweise größerer Auflage an Museen verteilt wurden.

Zur Vorbereitung von Sammlungsausstellungen geht der erste Blick in die Datenbank. Für diese Zusammenstellung zeigen die Daten zum Teil, wie bei der Inventarisierung verfahren wurde. Zuerst fällt auf, dass die Namen der Künstler*innen eingedeutscht wurden – aus Aleksandrs wird Alexander. Ob hier Ignoranz gegenüber einer fremden Sprache und Kultur oder etwas anderes der Hintergrund ist, bleibt offen. Auch bei den Titeln entsteht bisweilen Verwirrung. Dembos „Männlichkeit II“ wird in der Datenbank unter dem Titel „Landung/viriskita II“ geführt. Man bekommt den Eindruck, wenn Bildtitel nicht übersetzt oder gelesen werden konnten, wurden die Werke einfach beschrieben. Schließlich tritt auf dem Bild ein Kosmonaut – hier ist der sowjetische Begriff angebracht – in seiner Raumkapsel den Weg zur Landung auf einem Planeten an. Das Werk ist jedoch mit dem Wort „vīrišķība“ untertitelt: Männlichkeit. 

Ähnliche Probleme tauchen auch bei anderen Werken auf. Aija Ozoliņas Zinkografien laufen in unserer Datenbank alle (mit Ausnahme von „Blüte“) unter dem Titel „aus der Serie (Körper-)Formen“ und wurden einfach nummeriert. Die Arbeiten selbst sind jedoch mit jeweils verschiedenen Worten versehen und haben zum Teil eigene Titel, wie „Keimung“ oder „Verwurzelung“ aus der Serie „Schaffung“.

Das ist allein deshalb von Bedeutung, da für Sammlungsausstellungen häufig nur auf die Daten aus der Sammlungsdatenbank zurückgegriffen wird. Es kann also sein, dass seit Jahren ein falscher Titel unter dem Werk steht, was im Ernstfall das Verständnis der Rezipient*innen von Darstellungen fehlleiten kann.

So ist die Beschäftigung mit der eigenen Sammlung für eine Ausstellung auch immer eine gute Gelegenheit, die Datenbank auf Korrektheit und Vollständigkeit zu überprüfen.

1987 jährt sich die Große Sozialistische Oktoberrevolution; ein weiterer Anlass für eine Kunst-Ausstellung und zur Betonung der freundschaftlichen Beziehung mit den sozialistischen Geschwistern – in der Kunsthalle natürlich die Lettische SSR. Aufgrund der Diskrepanz zwischen dem gregorianischen und dem julianischen Kalender, fällt die Oktoberrevolution und damit auch die Eröffnung der Ausstellung auf Anfang November. Zu sehen sind „die ewigen Probleme der Menschheit – Liebe, Glück, Leben und Tod bewegen jedes Volk, auch die Grafik Lettlands will ihren Zuschauer zum Nachdenken darüber anregen.“ So heißt es im Geleitwort des zugehörigen Katalogs. Zu sehen ist neben Aleksandrs Dembo, Gunārs Krollis, Aija Ozoliņa und der jüngeren Generation auch Inārs Helmūts. Letzterer ist sogar persönlich zur Eröffnung anwesend, als Vorsitzender der Grafikabteilung des Künstlerverbandes der LSSR.

Rostock setzt mit dieser Ausstellung eine nunmehr 25-jährige Tradition fort, denn seit Beginn der 60er Jahre haben lettische Künstler in der Kunsthalle mit ihren Werken zum Kennenlernen und zur Auseinandersetzung mit der ihnen eigenen landestypisch geprägten Kunst beigetragen, u.a. als Teilnehmer auf 12 Biennalen der Ostseeländer, Norwegens und Islands und in 13 weiteren Ausstellungen, in denen wir neben der Malerei, Grafik und Plastik auch zur kritischen Begegnung mit der künstlerischen Fotografie, der Plakatkunst und volkskünstlerischen Traditionen Lettlands aufgefordert wurden. Rostocker Künstler haben darüber hinaus in mehreren Expositionen hiesige Tendenzen in der Kunstentwicklung in Riga vorgeführt.

Demokrat, 9. November 1987

Nach 1990 spielen die Letten vorerst in der Kunsthalle keine prägende Rolle mehr. Der Vertrag verliert aufgrund der systempolitischen Veränderungen im Rahmen von Deutscher Einheit und Unabhängigkeit Lettlands seine Gültigkeit. Vorerst haben alle damit zu tun, sich im jeweils neuen System zu orientieren. Die Kunsthalle konzentriert sich auf andere Regionen und hat mit strukturellen Problemen zu kämpfen.

Seit 2016 wird die Kunsthalle Rostock vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur M-V zusätzlich gefördert, um das Museum zum Zentrum für osteuropäische Kunst zu entwickeln. Der Prozess zum Wiederaufbau alter und der Entstehung neuer Netzwerke in die ehemals sozialistischen Länder und ihre Kunstszene braucht seine Zeit. Die Recherche zu dieser kleinen Ausstellung hat für einen Start in Lettland erheblich beigetragen.

Die Künstler*innen – Vertretung der künstlerischen Elite Lettlands?

In der Sammlung der Kunsthalle sind Aleksandrs Dembo, Maija Dragūne, Inārs Helmūts, Gunārs Krollis, Valda Batraks (früher Valda Mikāne), Malda Muižule, Aija Ozoliņa, Džemma Skulme und Uldis Zemzaris vertreten. Die Werke von sechs von diesen können Sie aktuell auf dieser Seite durchforsten. Die Übrigen können wir aus technischen oder rechtlichen Gründen noch nicht zeigen. Möglicherweise werden wir sie im Januar ergänzen.

Bei der Recherche zu den Urheber*innen half uns die Unterstützung des Lettischen Nationalmuseums für Kunst, erste persönliche Kontakte zu den Künstlerinnen und Künstlern herzustellen. Wider erwarten sind bis auf Aleksandrs Dembo (†1999) und Džemma Skulme (†2019) alle noch am Leben. Das ist allein deshalb erstaunlich, weil der überwiegende Teil um das Jahr 1930 geboren wurde. Der gesundheitliche Zustand lettischer Kunstschaffender muss außerordentliche Vorteile genießen, wenn das Erreichen des 90. Geburtstags zum Standard zu gehören scheint. Das hohe Alter der Grafiker*innen gereicht uns allerdings dort zum Nachteil, wo wir sie auf elektronischem Weg kontaktieren wollen und ein Telefonat auf Englisch wenig lösungsorientiert erscheint. Aija Ozoliņa legt aufgrund von Unverständnis ohne weitere Reaktion erstmal wieder auf. Wir befürchten schon die Zinkografien der Grafikerin – und Witwe Aleksandrs Dembos – nicht veröffentlichen zu können. Doch die Kollegin des Lettischen Nationalmuseums erreicht in der eigenen Landessprache mehr bei Aija Ozoliņa und sie gibt uns gern die Bilder frei.

Besonders leicht macht es uns die Jüngste im Bunde. Bei der Suche nach „Valda Mikāne“ sind die Treffer im World Wide Web rar, da die 67-Jährige nochmal geheiratet hat. Nun Valda Batraks heißend – und weiterhin als Grafikdesignerin, unter anderem im Briefmarkensegment, tätig – antwortet sie kurzfristig auf unsere E-Mail. In unserer Sammlung befinden sich drei grafische Arbeiten, die eher angewandte Illustrationen für einen bestimmten Zweck sind. In der Datenbank steht seit Jahren als Urheber „Mikāne, Janis P. Valda„. Was das soll, entbehrt jeder Grundlage, verrät ein Blick auf die Blätter doch, dass es sich um zwei Personen handelt. Neben „Valda Mikāne“ hat auch der Architekt „Janis Pipurs“ die Blätter signiert. Eine Gemeinschaftsarbeit? Auf den Kontext der Entstehung der Arbeiten und die Signatur Pipurs angesprochen, ist Valda Batraks sichtlich irritiert. Die Arbeiten seien von ihr. Eine gemeinsame Arbeit an den Werken hätte es nicht gegeben, sie seien aber für ein Projekt von Pipurs entstanden. Sozusagen Auftragsarbeiten. Was eine Signatur des Architekten auf den Blättern solle? „Das wüsste ich auch gern, möchte ich aber nicht kommentieren“, schreibt Valda Batraks. 

Valda Batraks (früher Valda Mikāne) – Grafikdesignerin

Zwei Orte spielten in Lettlands Kunst eine herausragende Rolle: Die Janis Rozentāls Kunsthochschule Riga und die Lettische Akademie der Künste. Beide künstlerischen Studienzentren der Hauptstadt tauchen in den Biografien der Künstlerinnen und Künstler aus unserer Sammlung auf. Es scheint beinahe, als hätte es im sowjetischen Lettland keine andere Möglichkeit gegeben, eine künstlerische Ausbildung und Karriere zu durchlaufen. Das bestätigt sich auch im weiteren Lebensverlauf, denn die meisten von ihnen dozierten später an mindestens einer dieser beiden Hochschulen. 

Es handelt sich hier um eine eher typische Art der Kaderschmiede einer künstlerischen Elite in den sozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts. In der DDR war die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ein entsprechendes Äquivalent. Wissenschaft, Kunst und Sport dienten den Warschauer Vertragsstaaten im besonderen Maße bei der Anerkennung auf dem globalen Parkett. Es musste also bei der Förderung der Talente ordentlich investiert werden.

Lettische Kunstschaffende, aktiv zwischen 1960 und 1990, die in ausländischen Sammlungen auftauchen, werden nahezu ausschließlich solche Biografien vorweisen. Sie waren es, die auf die Biennalen oder zu Gruppenausstellungen ins Ausland geschickt wurden, weil sie sich sowohl künstlerisch als auch politisch bewährt hatten – aus der Perspektive der politischen Elite in Riga bzw. Moskau, was auch immer das im Detail bedeutet hat, steht auf einem anderen Blatt.

Die Tatsache, dass die meisten der besprochenen Künstler*innen dieselben Ausbildungsstätten durchlaufen haben, im Künstlerverband aktiv waren, gemeinsam zu Biennalen ins Ausland reisten oder später an der Akademie dozierten, führt wohl zwangsläufig zu privaten Verknüpfungen. In den Gruppenausstellungen der einzelnen tauchen oft auch die Namen der anderen acht aus unserer Sammlung auf. Hinzu kommt, dass viele bereits aus berühmten lettischen Künstlerfamilien stammen oder erneut künstlerisch tätige Kinder hatten. Die Familie von Džemma Skulme ist das wohl herausragende Beispiel. An dieser Stelle sei nur auf ihren Vater Oto Skulme verwiesen.

Betrachtet man die Kunstszene der Lettischen SSR und beginnt mit den wenigen Namen, die in der Sammlung der Kunsthalle vertreten sind, bekommt man den Eindruck, die Szene sei recht klein. Unter den vertretenen Grafiker*innen sind vor allem jene vertreten, die auch im Verband und auf politischer Ebene eine gewisse Elite vertreten. Doch es sind lediglich die großen Nationalkünstler der 60er, 70er, und 80er Jahre, die es in ausländische Sammlungen schafften. Viele behielten ihre Bedeutung als Dozentinnen und Dozenten weit über die 90er Jahre hinaus. So beeinflussen sie über die Ausbildungsstätten selbst die heutige Kunstgeneration Lettlands. 

Doch wie sieht eigentlich die heutige lettische Kunstszene aus? Dies gilt es in Zukunft – vielleicht in einer Ausstellung – in der Kunsthalle Rostock zu ergründen. 

Maija Dragūne und ein Fenster nach Riga